Ein unverhofftes Kennenlernen

Kapitel 1

pinstripe

London 1814

»Dieses Kleid steht Ihnen ausgezeichnet, meine Liebe!« Die ältere Dame lächelte Kim an und griff dann nach einem Glas Wein, das ihr ein Diener reichte.

Kim lächelte höflich zurück, sagte jedoch nichts. Sie mochte dieses oberflächliche Geplänkel der heutigen Zeit ganz und gar nicht, doch der Gastgeberin gegenüber unhöflich zu sein, war ebenfalls eine schlechte Idee.

»Du scheinst dich ja nicht gerade zu amüsieren.« Luc stand plötzlich neben ihr und sie seufzte:

»Manchmal frage ich mich, ob Vanessa dieser Sachen jemals müde wird.«

Luc zuckte mit den Schultern und beobachtete Vanessa, die sich kichernd mit einem jungen Mann unterhielt und dabei demonstrativ mit ihrem Haar spielte. Das reichte jetzt. Kim hatte die Faxen satt.

»Ich lasse mich nach Hause bringen. Dieses Schauspiel reicht mir.«

Außerdem schmerzten ihre Füße in den unbequemen Schuhen und ihr fehlte durch das Korsett langsam, aber sicher, die Luft zum Atmen. So arbeitete sie sich in Richtung Ausgang.

Eine Kutsche zu finden würde kein Problem darstellen, denn durch das Fest hatten einige Kutscher ihre Droschke bereits in der Nähe.

Kapitel 2

pinstripe

Thomas mochte London. Er hatte Melissa zu einem Empfang gebracht, auf dem es vor schönen Frauen nur so wimmelte. Sie waren alle in schöne Kleider gehüllt und dufteten gut. Das war eine angenehme Abwechslung zu seinem sonst so tristen Alltag.

»Wie wäre es, wenn du die Bekanntschaften einiger Damen machst, während ich mich der Gastgeberin vorstelle. So habe ich dich aus dem Genick und hoffentlich aus meinen Gedanken.« Melissas Stimme war deutlich in seinem Kopf zu hören und Thomas runzelte die Stirn. Seine Schwester hatte mal wieder seine Gedanken belauscht.

»Ich kann nichts dafür, dass du deine Gabe noch immer nicht unter Kontrolle hast, Schwesterherz«, gab er zurück und Melissa rollte mit ihren Augen.

Er sah die dunkelhäutige Schönheit erst im Augenwinkel, dann besah er sie sich genauer. Sie schien gehen zu wollen, doch wurde von einem Mann aufgehalten, der ihr unverschämt ein Gespräch aufgezwängt hatte. Das war seine Gelegenheit. Er trat auf die beiden zu und ergriff ihre Hand.

»Entschuldige, meine Liebe. Ich habe dich hier bei den vielen Menschen ganz aus den Augen verloren. Ein Skandal, ich weiß, doch nun bin ich ja wieder an deiner Seite.« Er lächelte den Mann an und fuhr dann fort. »Ich danke Euch, dass Ihr meiner Zukünftigen die Zeit vertrieben habt.«

Ein Hauch eines Lächelns schlich sich in ihr Gesicht, als der andere Mann irritiert nickte und dann eine kleine Verbeugung andeutete. Dann schritt er davon und ließ Thomas mit der Schönheit allein.

»Thomas Terrin«, stellte er sich vor.

»Ich bin auf dem Weg nach Hause, weshalb ich Euch sehr dankbar bin, dass Ihr mich gerettet habt, doch nun muss ich wirklich gehen.«

Die Frau ließ ihn doch tatsächlich stehen und lief hinaus. Das war ihm ja noch nie passiert. Schnell eilte er hinter ihr her.

»Was wäre ich für ein Kavalier, wenn ich eine Dame allein nach Hause fahren ließe. Ich würde mich freuen, wenn ich Euch Geleit geben dürfte.« Sie hob ihre Augenbrauen und schien unentschlossen, was sie erwidern sollte. Er ergriff also kurzentschlossen ihren Arm und spazierte neben ihr her. »Sagt Ihr mir nun Euren Namen?«

Sie grinste und fragte:

»Aus welchem Grund?«

»Ich muss doch erfahren, welchen Namen ich heute Nacht sprechen solle, wenn ich schlaflos daliege und Euer Antlitz vor Augen habe.«

Zu seiner Überraschung nahm sie es nicht als Kompliment auf, sondern runzelte die Stirn. Sie machte sich von ihm los.

»Nur, dass Ihr es wisst. Ich bin keine von diesen kleinen Frauchen, die Euch gleich zu Füßen liegen, nur, weil Ihr Liebe, Lust oder Leidenschaft versprecht. Ich bin nicht interessiert, weder an diesen drei Dingen, noch an Euch. Gehabt Euch wohl!«

Kapitel 3

pinstripe

Was für ein arroganter Flegel! Kim war außer sich und ließ den Mann einfach stehen. Er dachte wohl, dass sie eine Kerbe in seinem Bettpfosten werden könne, doch da hatte er falsch gedacht. Nicht mit ihr. Niemals!

Sie stieg in eine Droschke und sagte dem Kutscher ihre Adresse. Kim wollte nur noch weg von allem, von dem schrecklich öden Abend und von dem unverschämten Burschen, der anscheinend noch nicht gelernt hatte, wie man eine Dame wirklich behandelte.

Er rief ihr etwas hinterher, doch die Kutsche hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Das Hufgetrappel übertönte seine Stimme. Wild ging es voran und in Kims Magen breitete sich ein ungutes Gefühl aus. Irgendetwas stimmte hier nicht, denn ihre Gabe meldete sich. Der Kutscher lenkte die Droschke nicht in die richtige Richtung. Sie fuhren aus London heraus.

»Kutscher? Was ist denn los?«

Er gab keine Antwort. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Kim zog sich von ihrem Platz hoch und beugte sich aus der Droschke, um den Kutscher zur Umkehr zu bewegen. Doch da saß keiner. Die Droschke war führerlos.

So schnell es ging befreite sie sich aus ihrem Kleid. Der Rock war viel zu groß, als dass sie sich hätte gut bewegen können. Sie musste die Kutsche anhalten.

Kapitel 4

pinstripe

Thomas hatte die Gefühle des Kutschers wahrgenommen. Er führte nichts Gutes im Schilde. Egal, was es war, die junge Schönheit war in großer Gefahr, wenn sie in die Droschke stieg. So erzürnt, wie sie war, überhörte sie sein Rufen und die Kutsche setzte sich in Bewegung. Zu Fuß würde er sie nicht mehr einholen können, so schnell wie die Pferde von einem Trab zum Galopp übergingen. Er brauchte ebenfalls ein Fortbewegungsmittel und seinem Hintern würde es nicht gefallen. Er seufzte.

»Ich brauche eins Eurer Pferde«, knurrte er eine Gruppe Männer an, die nicht in einer Droschke, sondern zu Pferd zum Empfang gekommen waren.

Einer der Männer, der unschlüssig die Zügel seines Pferds hielt, war ein einfaches Ziel. Thomas schnappte sich diese und schwang sich auf das Tier. Er rief dem Mann zu, dass er das Pferd nach dem Empfang wiederhaben würde und gab dann dem Ross die Sporen.

Das Reisen in einer Droschke war um einiges bequemer, als auf dem Rücken eines dieser Heufresser. Thomas fluchte und ritt so schnell er konnte, hinter der Kutsche her. Der Kutscher schien ein gutes Trinkgeld bekommen zu wollen, denn er ließ die Pferde einen Galopp reiten, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Thomas holte auf.

»Anhalten, Mann!«, schrie er dem Kutscher entgegen, der nur noch mehr die Peitsche einsetzte. Wie konnte er diesen Wahnsinn nur stoppen?

Er war nun genau hinter der Droschke und überlegte, wie er am besten aufspringen könnte, als der Kutscher sich von seinem Platz erhob und absprang. Thomas sah, wie er auf die Erde prallte und im Gras liegenblieb. Hoffentlich hatte sich dieser Mistkerl den Hals gebrochen!

Thomas kannte die Strecke. Gleich kam eine Brücke, auf der man das Tempo drosseln musste, denn sonst würde die Droschke ins Wasser stürzen. Fürs Anhalten war keine Zeit mehr, also versuchte er, neben die Kutsche zu kommen. Er hoffte, dass die Schönheit in diesem Kleid leicht herauszuziehen wäre.

»Kommt heraus! Die Droschke wird gleich verunglücken.« Thomas zog die Tür der Kutsche auf und starrte auf den Rock, der dort auf dem Droschkenboden lag. Von der Schönheit war keine Spur. Wo war sie hin?

Ein lautes »Brrrrr« war aus Richtung des Kutschbock zu hören und Thomas staunte nicht schlecht, als sich die Geschwindigkeit der Droschke verringerte und er hinter dem Verdeck die Frau sah, die, nur in ihrem Korsett und einer Hose auf dem Kutschbock saß. Er musste lachen.

»Ihr gefallt mir, Lady!«

Sie lächelte und schüttelte gleichzeitig ihren Kopf, während sie die Kutsche zum Stehen brachte.

»Würdet Ihr mir bitte einen der Unterröcke aus der Droschke bringen? Ich möchte mich wieder bedecken.«

Trotz der, für sie peinlichen, Situation, blieb sie ganz Dame. Thomas war vom Pferd gestiegen und hatte einen der vielen Röcke ergriffen, die schichtenweise angezogen wurden, wenn es nach der Londoner Modewelt ging. Thomas fand, dass das nur eine Zeitverschwendung war, wenn man versuchte, eine Frau aus all diesen Schichten herauszuschälen. Wahrscheinlich war diese Mode von den biederen alten Damen erfunden worden, um Männern das Leben zu erschweren. Wirklich erfolgreich waren sie damit jedoch nicht, denn ausziehen konnte man sie ja immerhin noch. Er reichte ihr den einen Rock und drehte sich dann, ganz Kavalier, herum, um ihr ein wenig Privatsphäre zu gönnen.

»Ihr ward ganz schön mutig, aus der Droschke zu klettern. Da hätte allerhand passieren können.«

»Nicht viel mehr, als bei jedem anderen Vampir auch. Ich hätte es auf jeden Fall überlebt«, gab sie zurück und er fuhr zu ihr herum.

Kapitel 5

pinstripe

Sie hätte es gleich sehen müssen, doch seine Unverschämtheit hatte sie für die Tatsache, dass er ein Vampir war, blind gemacht. Nun jedoch, durch das Adrenalin angeheizt, sah Kim es deutlich. Er war einer Ihrer Art.

»Ich danke Euch, dass Ihr mich retten wolltet. So viel Einsatz hätte ich Euch gar nicht zugetraut.«

»Dieses Kompliment kann ich nur zurückgeben. Ein wenig zu energisch für meinen Geschmack. Eine Frau für mich sollte auf keinen Fall die Zügel in Händen halten. Das ist nicht schicklich.«

Sie grinste.

»Das nicht zu tun ist gegen meine Natur.« Sie beschloss, die Droschke um London herum zu lenken und so nach Hause zu kommen. Falls der Besitzer der Droschke sich das am nächsten Tag noch traute, hatte er ja die Anschrift ihres Zuhauses.

»Darf ich nun Euren Namen erfahren? Ich glaube, ich habe mir diesen nun redlich verdient.« Seine Art hatte sich ihr gegenüber geändert. Er sah sie nicht mehr an, als wäre sie ein Stück Fleisch, also beschloss sie, ihm ihren Namen zu verraten.

»Kim Watson.«

»Nun, Kim Watson, solltet Ihr einmal Londons müde werden, würde ich mich freuen, wenn Ihr Deutschland einen Besuch abstatten würdet. Meine Familie bricht morgen dorthin auf.«

Deutschland. Nicht gerade eins ihrer Ziele in der nächsten Zeit. Sie wollte als nächstes mit Vanessa und Luc nach Paris zurück. Das sagte sie auch Thomas, der nur leicht den Kopf neigte.

»Überlegt es Euch. Vielleicht findet Ihr ja mit meiner Hilfe Euer Glück.« Er grinste und ließ das Pferd halten. Er machte sich in die andere Richtung auf.

»Wolltet Ihr mich nicht nach Hause geleiten?«, schrie sie ihm hinterher, doch er winkte ihr zu und rief:

»Ich weiß ja jetzt, dass Ihr alles im Griff habt! Sollte das einmal nicht der Fall sein, findet Ihr mich sicherlich.«

Damit entfernte er sich und Kim sah ihm nach. Er war ganz und gar nicht, wie sie sich einen Kavalier für sich vorgestellt hatte, doch die Art dieses Mannes war ihr sehr sympathisch. Vielleicht sollte sie ja doch einmal nach Deutschland reisen, wenn sie der Gesellschaft von Vanessas Hofstaat überdrüssig war…

Copyright 2014 Sabrina Georgia